Plädoyer für Dickköpfe

Gute Mitarbeiter sind Mangelware. Der nahe liegende Gedanke ist also, dass jeder Chef, der das Glück hat, gute Leute zu haben, diese unbedingt halten will. Und dafür einiges zu tun. Doch das Gegenteil scheint oft der Fall zu sein. Das Hauptproblem vieler Vorgesetzter ist, dass sie nicht genau wissen, was ihre Leute tatsächlich tun und damit tatsächlich leisten. Schlimm sind auch jene Vorgesetzte, die vor sich hin altern, sich kaum noch fortbilden, den Markt eigentlich gar nicht mehr kennen (von den aktuellen Technologien ganz zu schweigen), gleichzeitig aber meinen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Wenn dann noch der Satz „Zu meiner Zeit …“ fällt, sollten Sie so schnell wir möglich das Weite suchen.

Lästig wird es für so manchen Vorgesetzten auch, wenn Angestellte Querdenker sind, kritisch hinterfragen und durchaus auch mal „nein“ sagen. Auch Kollegen mögen diese Sorte anders Denkender nicht sonderlich, sie empfinden sie als Bedrohung und „fremd“, der Chef betrachtet sie als lästige Störfaktoren, die sich nicht einfügen wollen. „Quertreiber“ mag man einfach nicht. Dabei wären genau diese Angestellten ein Riesengewinn für jeden Betrieb, ginge man nur richtig mit ihnen um. Stattdessen macht man sie mundtot, entmutigt sie, bringt sie um ihr Engagement und funktioniert sie damit um zum durchschnittlichen Jasager. Als gäbe es davon nicht schon genug!

(Der Personalchef von Google (einer erfolgreichen Firma …) sieht die Sache richtig. Hier ist man der Meinung, dass man jedem Jasager, die man automatisch in Firmen bekommt, genügend Kritiker gegenüberstellen muss, damit die Firma erfolgreich bleiben kann.)

Das Ende vom Lied: Jede Menge Low Performer in der Firma, die dem Chef lieb und gut sind, gegen die somit auch niemand ankommt, und einige verlorene High Performer, denen die Lust auf ihre Arbeit gründlich vergangen ist. Dienst nach Vorschrift werden fortan die Arbeitsweise bestimmen, flankierend von zunehmend gesundheitlichen Problemen … Wer früh genug die Reißleine zieht, wandert ab in andere Unternehmen und die freuen sich dann über die neu erworbene Expertise. Das worst case Szenario ist jedoch, dass diese entmutigten und gedemütigten Mitarbeiter in die innere Emigration gehen. Der Chef wundert sich erst, freut sich aber bald, dass der Querulant von einst nun so „handsam“ geworden ist und fortan den Mund hält. Meist klopft er sich auf die Schulter und gratuliert sich zum Erfolg („hab ich das nicht super hingekriegt?!“). Ja … und dieser Mitarbeiter und seine grandiosen Fähigkeiten sind dann für alle Zeiten für die Firma verloren. Der Mitarbeiter ist zwar noch physisch an seinem Arbeitsplatz, hat die Firma gedanklich aber längst verlassen. Schlimmer geht es nimmer – für beide Parteien.

Es ist eine Tragödie: Die meisten Mitarbeiter, die nach zahlreichen und immer wieder kehrenden Frustrationen „abgeschaltet“ haben, waren einmal zu allem bereit. Sie suchten nach Chancen, Herausforderungen, nach einem kooperativen, kreativen Miteinander mit Kollegen und Vorgesetzten, hatten nur das Wohl der Firma im Kopf. Und dann – irgendwann – die innere Kündigung, eine Leidensspirale, die sich viele nicht vorstellen können.

Als Vorgesetzte von Mitarbeitern kenne ich den Seiltanz, den es im täglichen Arbeitsalltag und Miteinander auszuhalten gilt. Eines jedoch habe ich nie getan und werde ich auch nie tun: Das Potenzial eines Mitarbeiters zu unterschätzen und Querdenker, „Schwierige“ und „Dickköpfe“ abzulehnen oder ihnen das Leben schwer zu machen, nur weil sie nicht Durchschnitt und weil sie „anders“ sind. Sollte ich dies eines Tages tun, wäre es an der Zeit abzutreten.

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