Techno im Berghain, Berlin

In meinem Leben gab es nur wenige musikalische Ereignisse, die mich besonders beeindruckten. Zum Beispiel das erste Mal Stravinskys „Sacre“ (Siegerlandhalle, Siegen) oder der erste Wagner (Lohengrin, Nationaltheater München): Bedeutende Fixsterne meiner musikalischen Erfahrungen.

Einer davon war Techno im Berghain, Berlin.

Ein nicht kleiner Teil des Internet befasst sich mit dem Phänomen „Berghain“. Rolling Stone schreibt beispielsweise über „Berghain: The Secretive, Sex-Fueled World of Techno’s Coolest Club“.  Schauen wir uns also an, wie ein Besuch aussehen kann:

Das erste Problem ist, hineinzukommen. Ich ging damals an einem Sonntag morgen mit einem Freund hin, einem in Berlin lebenden Amerikaner. Als wir am Berghain ankamen, war die Schlange vor diesem imposanten, ehemaligen Heizkraftwerk rund 200m lang.

Weil dies jedes Wochenende so ist, hat sich darum eine kleine Infrastruktur gebildet: Händler, die die Wartenden mit Allem versorgen, was diese gerne hätten, und Taxifahrer, um die frustrierten Abgewiesenen wegzufahren. Das Hauptthema unter den Wartenten schein zu sein, ob man reinkommt und wohin man geht, falls nicht. Schon während man sich der Schlange nähert, kommen einem Abgewiesene schimpfenden entgegen („Was bilden die sich ein auf ihren Laden???“) .

Die Tür ist hart. Es gibt online etliche Empfehlungen, wie man sich kleiden und verhalten soll, um an den Türstehern vorbei zu kommen. Deren Chef, Sven Marquardt, ein Mann, der an einen Orc erinnert, weiß genau, wen er drin haben will: tolerante Leute.

Was er will, erklärt er in diesem Interview:
„I feel like I have a responsibility to make Berghain a safe place for people who come purely to enjoy the music and celebrate—to preserve it as a place where people can forget about space and time for a little while and enjoy themselves. The club evolved from the gay scene in Berlin in the nineties. It’s important to me we preserve some of that heritage, that it still feels like a welcoming place for the original sort of club-goers. If we were just a club full of models, pretty people all dressed in black, it would be nice to look at for a half an hour, but god, that would be boring. It would feel less tolerant, too.„

Wir wurden eingelassen und fanden etwas, mit dem wir an diesem Ort nicht gerechnet hatten: Alle Mitarbeiter des Berghain sind sehr freundlich. Aber auch die Besucher gehen sehr nett und rücksichtsvoll miteinander um. Die Türsteher verstehen es also ganz offensichtlich, die richtigen Leute reinzulassen. Wie sahen auch niemanden, der besoffen herum gröhlte oder pöblte.

Drinnen angekommen, wähnt man zunächst das Gebäude unter schwerem Artilleriebeschuss: Pro Sekunde zwei Einschläge: Wumm wumm wumm wumm wumm wumm wumm. Gut, dass die Mauern so dick sind, denkt man, der Beton eines regulären Hauses wäre wohl bald mürbe.

Fotografieren ist übrigens verboten. Spiegel gibt es keine. Eine gute Idee: Man ist nicht so sehr auf seine eigene Wirkung bedacht. Überhaupt ist scheint das Berghain besonders gut organisiert zu sein. Die Betreiber achten auch auf Details, die den Besuchern den Aufenthalt angenehm machen. Die Inneneinrichtung lässt viel vom ursprünglichen Kraftwerk durchblicken.

Im Eingangsbereich zieht man sich aus oder um und verstaut seine Sachen in der gut organisierten Garderobe. Schnell noch auf die Unisex-Toilette (nur solche gibt‘s wohl), dann nach oben.

Das Berghain hat zwei Tanzflächen: Außer der im ersten Stock noch die höher gelegene Panorama Bar. Letztere wäre in jeder anderen Stadt ein Ereignis und spielt hervorragende Musik, wir hielten uns aber auf der Haupt-Tanzfläche auf.

Wie soll man die beschreiben? Einem rechtschaffenden Fan von z. B. Helene Fischer, der für einige Sekunden in diesen Raum blicken darf, würden sich entsetzliche Szenen bieten, die er vielleicht so beschreiben würde: Ein dunkler, nebliger Hexenkessel voller zuckender, halbnackter Dämonen, der von einem Hexenmeiser mit einem entsetzlichen Lärm am Kochen gehalten wird. Oder so…

Ist man jedoch selbst einer der Dämonen, sieht die Sache anders aus.

Die Tanzfläche liegt zwischen vier rund 4m hohen Lautsprechersäulen, die einen unglaublichen Schalldruck abgeben. Hier braucht man einen sehr guten Gehörschutz.
Der schnelle Takt der Musik treibt die Tanzenden an. Die (hervorragenden!) DJs spielt durchaus vier Stunden lang, die Stücke gehen ohne Pause (beatmatched) ineinander über. Kein Grund also, die Tanzfläche für die gesamte Zeit zu verlassen. Das bringt einen in‘s Schwitzen.

Man sollte sich also luftig anziehen. Oder Kleidung ablegen. Nach einigen Stunden tanzten jedenfalls viele der anwesenden Herren mit nacktem Oberkörper. Manchen war es sogar so warm geworden, dass sie auch die Hosen ausgezogen hatten und in Unterhosen tanzten. Wahrscheinlich, weil sie sich den Anderen nicht völlig oben-ohne präsentieren wollten, hatten sie sich um die Schultern herum Geschirre aus Lederriemen angezogen. Das fand ich sehr rücksichtsvoll.

Die Damen waren, wie üblich, zurückhaltender. So gut wie alle von ihnen waren auch nach Stunden noch weitgehend angezogen.

Die Tanzfläche ist in der Tat bevölkert von einem interessanten, gut gemischten Publikum. Da gibt es Normalos wie uns, aber auch sehr viele „bunte Vögel“. Das Schöne daran ist, dass diese sehr divergenten Milieus extrem gut und tolerant miteinander auskommen – in engem Kontakt, über viele Stunden. Das Berghain, und ich weiß, das kling ein wenig pathetisch, ist also auch gewissermaßen ein Vorbild dafür, wie man friedliche Koexistenz erzeugen kann.

Für Leute, die sich besonders mögen, und die ein wenig ungestörte Zeit abseits des Trubels suchen, hat das Berghain übrigens sogar spezielle Räume eingerichtet. Wir waren drin, aber weil wohl das Licht kaputt war, konnte man absolut gar nichts sehen. Das sind wirklich „dunkle Räume“. Das heißt auf Englisch „darkrooms“, sagte mein amerikanischer Freund. Kann sein, ich kenn‘ mich damit nicht aus. Also gingen wir wieder.

Über die Musik

Ich muss an dieser Stelle versuchen zu erklären, was Techno ist. Wenn ich nämlich meinen Bekannten empfehle das anzuhören, ist die Reaktion jedesmal die gleiche: Man findet es schrecklich. Wenn ich dann frage, wie es sich anhört, weiß es keiner zu beschreiben.

Auf YouTube finden sich daher diverse Videos, die erklären, was es ist und wie es sich von anderen Stilen der elektronischen Musik unterscheidet.

Ich befasse mich mit Techno seit rund einem Jahr – davor hätte ich nicht mal gewusst, wie man das schreibt. Dabei kam ich zu dieser Ansicht:

Techno ist anders als die Musik, mit der ich aufwuchs. Dort gab es nach wenigen Sekunden einen „schönen“ Refrain, den man mitsingen konnte und bei dem die Tanzenden besonders in Bewegung gerieten, dann kam ein eher fader Teil, dann wieder derselbe Refrain. Eine klare, eingängige, leicht verständliche Struktur und Melodie. Nach rund 3 1/2 Minuten war das Stück zu Ende und man konnte genau erkennen, dass jetzt ein anderes began.

Techno besteht hingegen (sehr grob gesprochen) aus einem stampfenden Bass mit rund 120-130 Beats pro Minute. Wumm wumm wumm wumm wumm wumm wumm. Darüber liegt eine „Melodie“ oder Töne oder Geräusche, die sich recht langsam verändern, ja fließen, und die einen wesentlichen Teil des Faszinosums ausmachen.

Und hierin besteht das Problem für ungeduldige Laien. Wer nur kurz rein hört, bei einem (ahnungslosen) Nachrichtenbeitrag über „Raves“ beispielsweise, der hört den wummernden Bass, aber die „Melodie“ verändert sich so langsam, dass man sie nicht mitbekommt. Man hört also einige Sekunden rein und meint, dass das immer das gleiche Gewummer ist und dass die Tanzenden nicht alle Tassen im Schrank haben.

Der Kenner jedoch denkt in längeren Zeiträumen.

Er (oder sie) lässt sich vom Bass antreiben und von den tranceartigen, darüberliegenden Melodien über Stunden wegtragen. In der Tat sollte „Techno“ besser „Trance“ heißen, aber diese Bezeichnung hat schon ein anderer Musikstil (mit schönen Stücken).

Guter, minimaler Techno, wie er im Berghain gespielt wird, ist psychedelisch, abstrakt, hypnotisch. Um eine Analogie zur Malerei der Gegenwart zu schaffen: Er ist wie ein Gemälde von Pollock, das von Rothko dünn übermalt wurde: Zuerst glaubt man, da geschieht nicht viel, bei näherer Betrachtung fallen aber interessante, feine Strukturen auf.

Es gibt übrigens diverse Stile von Techno. Auf Beatport können Sie Beispiele von Detroit, Dub, Electro, Industrial und Melodic anhören (und kaufen).

In den vergangen zwei Jahren haben ich über 15.000 Stücke elektronischer Musik verschiedenster Stile angehört. Und obwohl ich Sensationelles finde bei Ambient, Drum&Bass, Dubstep, Trance, Progressive- und Tech-House etc. denke ich, dass Techno der „erwachsenste“, coolste Stil ist, den wir haben, eben weil sehr abstrakt und zurückhaltend. (Dieser Satz ist mit Vorsicht zu genießen. Manchmal ist es schwer, die Genres voneinander zu unterscheiden, Techno von Tech-House zum Beispiel.)

Ein Aspekt von Techno erinnert mich an meine Empfindung zu Live-Jazz: Der richtige Kontext macht die Sache interessanter. Im Biergarten finde ich Live-Jazz prima, zuhause würde er mich nerven. Techno kann ich zwar auch außerhalb eines Clubs hören oder wenn ich selbst ein kleines Set mixe (das macht Spaß und kostet nichts oder wenig), aber seine beste Wirkung entfaltet er im richtigen Kontext: einem guten Club, mit allem, was der an Brimborium dazu noch liefert.

Einer meiner Bekannten sagte: „Gerade dir hätte ich Techno nie zugetraut!“. Weit gefehlt. Als Hörer von komplexer (auch moderner) klassischer Musik und Freund nicht-gegenständlicher abstrakter Malerei hat man, so scheint es mir zumindest, genau die richtigen Voraussetzungen, um Techno genießen zu können. Sollten Sie diese Neigungen also teilen, könnten Sie durchaus darüber nachdenken, sich darauf einmal einzulassen und einen Club aufzusuchen. Wie bei jeder neu erfahrenen Kunstform wird es ein wenig dauern, bis Sie „drin“ sind, aber es kann sich lohnen.

„War das alles über das Berghain?“ werden Sie jetzt berechtigt fragen. Nein, aber ich kann und, vor allem, will nicht über alles schreiben, was sich im Berghain so tut. Man kann dort sehr sehr viel mehr erleben als ich hier erwähne. Das Berghain ist eben ein verblüffendes Gesamtkunstwerk, das seines Gleichen sucht, in dem viele Komponenten, die alleine genommen schon spektakulär sind, eine Melange ergeben, die man nicht beschreiben, sondern nur empfinden kann.

Wie so manch‘ anderes, das wir gerne tun.

Üblicherweise bin ich nur wenige Stunden in einem Techno-Club, hier waren es über 12. Als wir wieder an‘s Tageslicht kamen, war es fast 15:00 Uhr am Sonntag. Die Party war also erst zur Hälfte rum. Kein schlechter Zeitpunkt übrigens, um hineinzugehen: die Schlange ist weg und die interessanteren Leute kommen jetzt, schien mir.

Ich war hingerissen von der Musik, der surrealen Atmosphäre und den guten „vibes“ des Ortes. Mein Freund meinte „You‘ve found your Mecca“.

Na dann.


Bild:

YannickBerghain in October 2014, cropped, CC BY-SA 4.0

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