Über Selbstverteidigung

Sie wollen nachts in die „Disko“ gehen und werden auf dem Parkplatz von zwei Typen belästigt und dann angegriffen. Sie sind noch etwas schwach von der Grippe letzte Woche, der Parkplatz ist mit Schotter bedeckt und einigen Glasscherben (Sie sollten also besser nicht zu Boden gehen, schon gar nicht bei mehreren Gegnern), die Angreifer sind größer und stärker, einer hat einen Baseballschläger dabei und Sie können nicht einmal weglaufen, weil Sie Ihre Freundin, die hohe Schuhe anhat, nicht zurücklassen wollen. Hilfe ist weit und breit keine zu sehen.
Was nun?

In diesem Artikel diskutieren wir Nutzen und Grenzen von Selbstverteidigung und stellen zum Schluss eine besonders wirksame Technik vor.

Ehe man über Selbstverteidigung nachdenkt, sollte man sich fragen, wie bedroht man eigentlich ist. Die Statistiker würden wahrscheinlich sagen: „In Deutschland gar nicht“. Die Wahrscheinlichkeit, angegriffen und krankenhausreif- oder gar totgeschlagen zu werden, ist wohl gering. Jährlich gibt es rund 180.000 polizeilich gemeldete Fälle von Gewaltkriminalität. Nicht viel bei 81 Millionen Einwohnern.
Das ist die eine Seite.

Die Andere: eben nur „polizeilich gemeldet“. Wie oft aber wird jemand verprügelt, ohne dass es jemand erfährt? Wie oft erlebt jemand großen Stress, weil er verbal bedroht oder auch nur angepöbelt wird? Fragen über Fragen, aber keine Antworten. Daher muss jeder für sich festlegen, ob und wie viel Aufwand an Zeit und Geld investiert werden soll, um in solchen Situationen sehr viel entspannter zu sein.

Sollten Sie Interesse haben an Selbstverteidigung, müssen Sie sich über deren Grenzen klar sein. Bedroht Sie beispielsweise jemand aus nächster Nähe mit einer Pistole, könnten Sie die Person möglicherweise entwaffnen (falls Sie das gut geübt haben). Steht die Person aber einige Meter entfernt, werden Sie sie nicht mehr entwaffnen können. Greift Sie jemand mit dem Messer an, laufen Sie besser weg – doch Vorsicht! Während Sie weglaufen sind sie relativ schutzlos. Sie sehen nicht, wann und wo der Gegner angreift, und sich nach hinten wirkungsvoll zu verteidigen, ist schwer. Und überhaupt: ein hervorragender unbewaffneter Kämpfer hat geringe Chancen gegen einen nur mittelmäßigen Messerkämpfer. Was uns in Actionfilmen gezeigt wird, ist grober Unsinn.

Was immer Sie an Techniken oder Methoden zur Selbstverteidigung einsetzen – 100%ige Garantien, aus allen Situationen heil herauszukommen, gibt es nicht. Das ist ähnlich wie in einem Fahrsicherheitskurs: Sie können danach besser Auto fahren, aber niemand kann ihnen garantieren, dass Sie nie wieder einen Autounfall haben werden. Also: Kein Selbstverteidigungstechnik hilft immer.
Das ist die eine Seite.

Die Andere: Ja, selbst wenn Sie Selbstverteidigung trainiert haben, sind Ihr Chancen gegen einen Messerkämpfer nur gering, aber gering ist besser als nichts, besonders dann,wenn man nicht weglaufen kann. Und falls Sie nicht in die extremen Situationen geraten, mit Messer oder Pistole bedroht zu werden, sondern man Sie „einfach nur“ verprügeln will (schlimm genug), dann stehen die Chancen recht gut, die Gegner zu kontrollieren – wenn man denn das Richtige gelernt hat. Noch deutlicher gesagt: Falls Sie die richtige Selbstverteidigungsmethode gut gelernt haben, haben sie viel bessere Chancen gegen einen bewaffneten Angreifer – und ein unbewaffneter Angreifer kann Sie dann kaum noch schlagen. Übrigens: jemandem einen Baseballschläger wegzunehmen, ist recht einfach.

Bevor wir uns mit „Kampfkunst als Selbstverteidigungsmethode“ beschäftigen, stellt sich die Frage, ob man diese überhaupt braucht, ob man sich nicht auch anders verteidigen kann. Ja, kann man. Aber: Eine Pistole legal mitzuführen, ist in Deutschland fast unmöglich, außerdem muss man damit umzugehen lernen. Pfefferspray einzusetzen kann besser als nichts sein, will aber auch trainiert sein. Bei Gegenwind sollte man es nicht verwenden (besser ist ein flüssiges Pfefferspray oder ein Gel zum Sprühen), außerdem kann es uns ein geschickter Gegner wegnehmen und gegen uns selbst einsetzen. Ein Messer ist noch problematischer. Wollen Sie ein Messer ziehen, wenn Sie verbal (oft die Vorstufe zu einem tatsächlichen Angriff) angegriffen werden? Was werden die Umstehenden später dem Richter über Sie aussagen? Wer zum extremen Mittel eines Messers greift, wird von den „Zeugen“ gerne mit dem Aggressor verwechselt. Vorsicht also damit. Sollten Sie hingegen nachts in einer Unterführung von jemandem mit einem Messer bedroht werden, könnten Sie vielleicht Eindruck machen, wenn Sie ein Messer mit einer sehr viel größeren Klinge aus der Tasche zögen (à la Crocodile Dundee). Messer mit großen Klingen sind jedoch illegal und können Sie in andere Probleme bringen.

Wer sich so verteidigt, bekommt später Probleme vor Gericht, vor allem, wenn es Zeugen gibt, die von der Szene ein Foto gemacht haben.
Wer sich so verteidigt, bekommt später Probleme vor Gericht, vor allem, wenn es Zeugen gibt, die von der Szene ein Foto gemacht haben.

Andererseits kann ein Messer, richtig eingesetzt, eine guter defensiver Schild in höchster Not sein. Hierzu gibt es eine schöne Methode, ein Messer auf clevere Weise so vor dem eigenen Körper so zu führen, dass es eine schier unüberwindliche Barriere für den Angreifer darstellt. Eine gute Kampfschule kann Ihnen diese Methode beibringen.

Ganz waffenlos geht auch: Falls Sie als Frau in, sagen wir, der nächtlichen U-Bahn, das Gefühl haben, dass in dem ansonsten leeren Wagen jemand aufdringlich werden könnte, können Sie sich womöglich schnell unattraktiv machen, indem Sie gründlich in der Nase bohren und den Popel dann aufessen (oder so tun). Der Zweck heiligt die Mittel.

Was bleibt also? Lernen Sie, schnell wegzulaufen, für die Situationen, in denen das möglich ist und Sie schneller als die Gegner sein könnten. Lernen Sie eine Selbstverteidigungstechnik für Situationen, in denen Sie nicht weglaufen können oder wollen oder die Gegner schneller sind. Eine gelernte Technik haben Sie immer dabei, auch wenn keinerlei Waffe greifbar ist. Eine 100%-ige Garantie gibt es allerdings nicht.

Kampfsport

Wir müssen unterscheiden zwischen Kampfsport und Kampfkunst (Die Wikipedia erklärt unter dem Stichwort „Kampfsport“ die Unterschiede). Kampfsport (wie etwa Karate, Taekwondo, Judo) ist Regeln und künstlichen Beschränkungen unterworfen und deshalb in einem ernsten Straßenkampf nicht sehr brauchbar (Boxer dürfen z. B. nicht treten). Selbstverständlich kann der Boxer entscheiden zu treten falls es ernst wird, aber er hat das eben vorher nicht trainiert, weshalb sein Tritt nicht so wirksam sein wird, wie er sein könnte. Kampfsport geht auch von problematischen Annahmen aus, wie z. B. der, dass der Gegner fair kämpft, also bestimmte Dinge nicht tut. Oder dass Armhebel sehr wirksam sind (Jiu Jitsu). Oder dass man einen Faustschlag hart abblocken sollte (Karate, Taekwondo). In der Theorie (und unter den kontrollierten Bedingungen der Schule) ist das gut, beim Straßenkampf zeigen sich aber die Einschränkungen.
Beispiel: Armhebel. Man kann sich recht leicht aus ihnen befreien, aber nehmen wir einmal an, Sie konnten den Angreifer mit einem Armhebel unter Kontrolle bringen… nachts, in einer menschenleeren Gegend. Falls Sie ihn loslassen, greift er Sie wieder an. Was nun? Wollen Sie ihn stundenlang halten? Wer wird zuerst müde?

Er hat ihn, aber er darf ihn nicht mehr loslassen
Er hat ihn, aber er darf ihn nicht mehr loslassen.

Das soll nicht heißen, dass ein gut trainierter Boxer, Ringer oder Karateka ein ungefährlicher Gegner für einen Angreifer ist, ganz im Gegenteil. Jemand, der jahrelang trainiert hat, möglichst schnell und wuchtig zuzuschlagen, ist nicht zu unterschätzen, ebenso wenig wie ein Ringer; und ein sehr gut trainierter Karateka kämpft eben viel besser als ein gut trainierter Buchhalter. Aber was bei den meisten Kampfsportarten fehlt, ist das Training für den Ernstfall, „Wie fängt ein Kampf an bzw. welchen Mustern unterliegt er?“, dann verbales Training, um aus Situationen ohne Kampf zu kommen, Körpersprache & Mimik, verschiedene Situationen (Kampf gegen mehrere, in engen Räumen, im Sitzen etc).

Die Frage lautet also: Wie viel Kraft braucht man, um Kampfsportarten wirksam einsetzen zu können, wie lange muss man trainieren, um sich gut verteidigen zu können und wie wirksam sind die Methoden im Straßenkampf? Straßenkampf kann übrigens an beliebigem Ort stattfinden, jederzeit, ohne Vorbereitung, mit jedem Mittel, ohne Fairness oder Rücksichtnahme (sehen Sie sich einmal auf YouTube Videos von Angriffen in der Berliner S-Bahn an, keiner dieser Angreifer ist fair).
Sollte der gesellige, sportliche oder Fitness-Aspekt für Sie wichtiger sein als der der Selbstverteidigung, dann ist ein Kampfsport jedoch eine gute Sache.

Wollen Sie so einem Angreifer entgegentreten?
Wollen Sie so einem Angreifer entgegentreten?

Welches ist die richtige Kampftechnik?

Die richtige Technik ist eine, die folgende Bedingungen erfüllt:

Sie soll gegen stärkere Gegner im Straßenkampf wirksam sein.
Eine Kampftechnik, die auf Körperkraft setzt, bringt nicht viel. Jeder ist irgendwann einmal krank, schwach, alt, und sollte auch dann noch in der Lage sein, sich gegen einen Stärkeren zu verteidigen. Deshalb muss eine gute Kampftechnik ohne viel Kraft wirken.

Die Stärke der Verteidigung muss dosierbar sein.
Die Verteidigung muss dem Anlass angemessen sein. Einen wild gewordenen betrunkenen Teenager muss man stoppen können, ohne ihn zu verletzen, während man einem extrem aggressiven, starken und schmerzunempfindlichen Gegner mit anderen Mitteln begegnen muss.

Eine Auseinandersetzung soll sehr schnell zu unseren Gunsten beendet sein.
Wir können keine Kampftechnik brauchen, die den Kampf lange hinzieht, es könnte ja sein, dass der Gegner ausdauernder ist. Wir brauchen also Techniken, die den Kampf sehr schnell beendet.

Ihre Verteidigungsfähigkeit sollte nach Trainingsbeginn schnell steigen.
Die Kampftechnik sollte, nachdem man mit dem Training begonnen hat, einigermaßen bald zu Ergebnissen führen, Sie nicht erst nach jahrelangem Training fit für einen Überfall auf der Straße machen.

Es muss gute Lehrer geben.
Ohne einen Lehrer, nur mit Videos oder Bücher zu trainieren, ist problematisch. Der Hinweis „Du hältst deinen Arm noch falsch, da könnte ein Gegner durchkommen“ kann nur von einem guten Lehrer kommen.

Was bleibt also? Wir haben uns, nach jahrelangem Suchen und Testen, für WingTsun entschieden. Es erfüllt alle diese wichtigen Voraussetzungen und hat darüber hinaus einige nützliche Eigenschaften. Es gibt beispielsweise kaum ermüdende „Verteidigung“. Wir blockieren also keine Schläge, wir schlagen stattdessen sofort zurück, sobald sich die Gelegenheit ergibt. WingTsun ersetzt Kraft und Schnelligkeit durch Hirn, indem es die biomechanischen Eigenschaften des menschlichen Körpers überaus geschickt einsetzt. Selbst wir, die wir es seit Jahren betreiben, sind immer wieder auf’s Neue überrascht von seiner Raffinesse. Es ist verblüffend, wie leicht man die Schläge des Gegners ins Leere führen kann, währen der Gegner gleichzeitig permanent ins „offene Messer rennt“, bzw. gegen die Faust. Aber eine verbale Beschreibung bringt hier wenig, am Besten, Sie gehen in eine Schule und lassen es sich vorführen.

Eine gute Schule für Selbstverteidigung finden

Wie in allen Bereichen, gibt es unter den WingTsun-Schulen gute und andere.
Um die richtige Schule in Ihrem Ort zu finden, sollten Sie dem Lehrer diese Fragen stellen:

– Wie oft und bei wem bildet er sich weiter? Wer war sein Lehrer? Hat er Referenzen?

– Hat er echte Erfahrung mit Selbstverteidigung „auf der Straße“ gemacht, z. B. als Türsteher, im Sicherheitsdienst?

– Welches sind die vier Phasen einer gewalttätigen Auseinandersetzungen und wie verhält man sich in jeder von ihnen? Werden auch verbale Auseinandersetzung, Mimik, Körpersprache etc. trainiert?

– Gibt er auch Einzelunterricht (angenehmer für Erwachsene)?

– Wie lange übt er diese Kampfkunst schon aus? Hat er evtl. auch Erfahrungen aus anderen Bereichen der Kampfkunst oder des Kampfsports? Das ist wichtig. Er sollte Ihnen nämlich beibringen, sich auch gegen einen Kickboxer, Judoka, Ringer etc. und deren Methoden verteidigen zu können.

– Wie selbstsicher wirkt Ihr Lehrer? Beantwortet er auch unangenehme Fragen ruhig und sachlich?

WingTsun wird die Koordination verbessern, die Körperbeherrschung und wahrscheinlich auch die Selbstsicherheit. Auf die Kraft und die Fitness hat es jedoch keinen so großen Einfluss wie beispielsweise Taekwondo oder Ringen, weil es zu Beginn des Unterrichts keine Fitness- oder Aufwärmübungen gibt. Grund: Sollten wir angegriffen werden, können wir den Gegner nicht bitten, uns erst einmal fünf Minuten Zeit zu geben, damit wir uns aufwärmen und dehnen können. In WingTsun praktizieren wir Techniken, die auch „kalt“ wirken müssen, daher keine Aufwärmübungen.

Bitte vergessen Sie nicht, Ihre größte Waffe im Kampf (bzw. kurz davor) ist Ihre Aufmerksamkeit.
Schmälern sie diese nicht mit Kopfhörern und dem Starren auf Ihr Smartphone. Nehmen sie Ihre Umwelt bewusst wahr. Versuchen Sie, sich Personen, Straßen und Orte zu merken, vielleicht brauchen sie diese bei der Flucht. Der schlimmste Angriff ist der, der völlig unerwartet kommt. Falls Sie die Signale kennen, kommt aber kaum noch ein Angriff unerwartet. Falls Sie dann die richtige Selbstverteidigung beherrschen, reagieren Sie viel gelassener, wenn es beginnt.

 

 

Eine Antwort auf „Über Selbstverteidigung“

  1. Eine wichtige Botschaft

    Schön, dass nach einem ersten Artikel über Selbstverteidigung vor längerer Zeit jetzt ein sehr ausführlicher folgt, der praktisch nichts offen lässt. Alle Möglichkeiten werden diskutiert und der Vorschlag für eine effektive – und besonders wichtig – praktisch für alle erlernbare Technik gemacht: „Wing Tsun“.

    In unserer leider immer gewalttätiger werdenden Zeit wird die Möglichkeit sich verteidgen zu können immer wichtiger. Und zwar für alle, auch für Kinder!

    Die Volkshochschulen bieten Kurse an; Wing Tsun, allerdings nur in Grafenau und erst ab 16 Jahren. Für die Kleinen gibt es Karate Kurse auch in Freyung oder Waldkirchen.

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